Abitur nach 8 oder 9 Jahren ?

Eine Frage, die unser Land seit der Einführung des sogenannten Turbo-Abiturs um­treibt. Kaum ein Thema wird so intensiv diskutiert.

Umgesetzt wurde die Idee für das Turbo Abitur von der damaligen CDU/FDP Koalition in Düsseldorf. Zentrales Argument der damaligen Befürworter war die Überlegung, dass die deutschen Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich zu alt seien, wenn sie die Schule verlassen. Gleichzeitig sollte das Einschulalter schrittweise auf fünf Jahre herabgesetzt werden. Ziel war es, die jungen Menschen möglichst schnell dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen.

Völlig überhastet und ohne jedes Begleitkonzept wurde dann die Sekundarstufe I an Gymnasien von bisher sechs Jahrgängen auf fünf Jahre gekürzt. Seitdem gelten für die Sekundarstufe I der Gymnasien und die Sekundarstufe I der anderen Schulformen nicht nur zeitlich unterschiedliche Vorgaben. Mehr noch: Bis heute reißen die Klagen nicht ab, die Verdichtung des Unterrichtsstoffs in der Sekundarstufe I gebe zu wenig Zeit zum Lernen, Freizeitaktivitäten wie das Engagement in Vereinen, Treffen mit Freunden und Entspannung im Leben der Schülerinnen und Schüler kämen viel zu kurz.

Fakt ist deshalb: Das Modell der Schulzeitverkürzung in der Sekundarstufe I hat sich nicht bewährt.

Fakt ist, dass viele Schülerinnen und Schüler überfordert sind in acht Jahren ihr Ab­itur zu machen. Zur Vertiefung von Inhalten fehlt oft die Zeit. In der sechsten Klasse schon eine weitere Fremdsprache zu erlernen ist für viele junge Menschen eine Her­ausforderung.

Fakt ist auch, dass an den Gesamtschulen das Abitur nach neun Jahren gemacht wird. Eine weitere Möglichkeit bieten die Berufskollegs und die Weiterbildungskollegs. Auch hier endet die Schullaufbahn nach insgesamt 13 Jahren.

Eine Wahlmöglichkeit besteht also heute schon. Die steigenden Anmeldezahlen an den Gesamtschulen belegen, dass viele Eltern diese Wahlmöglichkeit für ihre Kinder nutzen.

Fakt ist auch, dass es ein G9, wie viele von uns es noch kennen, nicht mehr geben wird. Unsere Gesellschaft hat sich verändert. Auch Schule verändert sich. Die Schule von morgen wird eine Ganztagsschule sein.

Vereine und Musikschule werden sich darauf weiter einstellen müssen. Freizeitangebote werden in den Schulalltag integriert werden müssen.

Der „Runde Tisch Schule“

Der „Runde Tisch Schule“, der jetzt in Düsseldorf getagt hat, hat beschlossen, die Zukunft des Turbo Abitur erst nach der Landtagswahl auf die Agenda zu nehmen.

Und das ist richtig. Das Thema ist zu wichtig, als dass man in nur sieben Monaten bis zur Landtagswahl ein schlüssiges und gutes Konzept vorlegen könnte. Es wird und muss eine der ersten Aufgaben für den neuen Landtag in Düsseldorf sein.

Gleichwohl hat die SPD ihre Eckpunkte für eine Weiterentwicklung des Modells der Schulzeitverkürzung am Gymnasium vorgelegt. Sie knüpfen an dem anfänglichen Konzept einer Verkürzung der gymnasialen Oberstufe an und verbindet diesen Ansatz mit der individuellen Entscheidung der Schülerinnen und Schüler und ihrer Eltern, ob der Weg zum Abitur am Gymnasium acht oder neun Jahre dauern soll. Zudem werden die weitergehenden Voten und Ergänzungen des ‚Runden Tisches zu G8/G9‘ aufgenommen.

Mehr Zeit für Lernen und Leben. Die Sekundarstufe I wird wieder sechsjährig. Um die Dichte des Lernstoffs und den damit verbundenen Druck bei den jüngeren Schülerinnen und Schülern am Gymnasium wieder zu verringern, wird die Sekundarstufe I wieder auf sechs Jahre verlängert und damit der Länge der anderen Schulformen angeglichen. Durch das regelmäßige Erreichen des mittleren Abschlusses nach der Klasse 10 auch am Gymnasium stärken wir die Abschlussverantwortung und erhöhen wieder die Durchlässigkeit zwischen den unterschiedlichen Schulformen in der Sekundarstufe I.

Die Reform der gymnasialen Oberstufe erhält die Möglichkeit für G8. Mit der regelmäßigen Verlagerung der Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe in die letzte Jahrgangsstufe der Sekundarstufe I (Klasse 10), erhalten wir die Möglichkeit nach acht Jahren am Gymnasium das Abitur zu machen. Leistungsstarke Schülerin­nen und Schüler gehen danach direkt in die Qualifikationsphase der gymnasialen Oberstufe über. Sie, aber auch andere Schülerinnen und Schüler, werden wir künftig mit den zusätzlichen Förderstunden besser unterstützen.

Durch die Option für ein zusätzliches Orientierungsjahr kommen alle mit. Vor dem Eintritt in die Qualifizierungsstufe wird ein zusätzliches, der bisherigen Einführungsstufe nachgebildetes Förderjahr angeboten. Dieses Orientierungs- und Förderangebot richtet sich an diejenigen Schülerinnen und Schüler, die sich nach dem Abschluss der Sekundarstufe I nicht sofort einen Übergang in die Qualifikationsphase wünschen; dies ist auch ein Angebot an Seiteneinsteiger von anderen Schulformen sowie Schülerinnen und Schülern mit Lernrückständen.

Auch möglich: Ein Auslandsjahr vor dem Übergang in die Qualifizierungspha­se. Interessierte Schülerinnen und Schüler können die Verkürzung in der Oberstufe auch als regelmäßige Option für ein Auslandsjahr nutzen, ohne dabei Lerninhalte zu verpassen.

Dieses flexible Modell ermöglicht einen Weg zum Abitur am Gymnasium in Nordrhein-Westfalen, der sich am individuellen Lerntempo und den außerschulischen Aktivitäten und Interessen der Schülerinnen und Schüler orientiert, ohne dabei das grundsätzliche Ziel der Schulzeitverkürzung zu verlieren. Mit anderen Worten: Wir geben damit jedem Kind die Zeit, die es braucht. Schülerinnen und Schüler sowie El­tern bestimmen stärker selbst den Takt des Abiturs.

Dies ist ein Beitrag für eine einheitliche und verlässliche Lösung für ganz NRW. Dafür brauchen alle am Schulleben Beteiligten Zeit, denn die Erfahrung lehrt, dass ein mit heißer Nadel gestrickter Entwurf niemandem weiterhilft, sondern eine gut durch­dachte und von vielen Seiten akzeptierte Lösung das Gebot der Stunde ist.